Sterben lernen mit Montaigne

„Wenn wir eine weise Frau brauchen, die uns ins Leben hinein begleitet, so brauchen wir einen ebenso weisen Menschen, uns wieder hinaus zu begleiten“.

Dieses Zitat des Philosophen Michel de Montaigne findet man auf einigen Webseiten rund um das Thema Abschied. Was einige vielleicht nicht wissen: Es steht in enger Verbindung  mit Montaignes wohl berühmtestem Zitat: „Philosophieren heißt sterben lernen.“ Ich habe das große Glück, einen Philosophen als Freund und Trauzeugen zu haben: Björn Vedder. Ihn habe ich gebeten, mir zu erklären, was Montaigne damit wohl gemeint haben könnte. Das Ergebnis teile ich hier gerne mit Euch.

Unser Leben gleicht einem Pfeil

Unser Leben gleicht einem Pfeil, der in einen engen Trichter geschossen wird. Aber wir verleugnen das. Wir tun so, als ob das Gegenteil der Fall wäre. Wir leben vom Anfang her und glauben, das Leben fächerte sich vor uns auf als eine unendliche blühende Landschaft. Dieser Irrglaube hat drei Gründe. Unser modernes Leben ist eine gesteigerte vita activa, ein hyperaktives Tätigsein, indem wir fortwährend Dinge herstellen, verhandeln, verkaufen und verbrauchen, ohne auch nur einen Moment innezuhalten, um darüber nachzudenken, was wir da genau tun und warum wir es tun. Wofür ist das gut? Und warum ist das gut für uns? Das ist der zweite Grund. Wir schwimmen im Strom des Lebens, kämpfen uns voran, steigen aber nie aus ihm heraus, um das Leben vom Ufer aus zu betrachten. Dass wir uns so verhalten, hat freilich auch strukturelle Gründe. Sie liegen nicht nur darin, dass unser Wohlstand darauf beruht, dass wir uns im Konkurrenzkampf gegen andere durchsetzen und glauben, wohl zu leben, wäre dasselbe, wie gut zu leben, sondern auch in einer Kultur des Besonderen, Schönen und Einzigartigen, die ihr Glück in der Steigerung findet und uns dazu herausfordert, alles maximal auszuschöpfen.

Wie können wir dem Tod seinen Schrecken nehmen?

Obwohl wir jedoch alles tun, um den Tod zu verleugnen, können wir ihn nicht vergessen und wir können ihm auch nicht ausweichen. Wenn wir an ihn denken, bedroht er unser Glück, weil es aller negiert, worauf wir in unserem Leben Wert legen. Wie können wir dem Tod seinen Schrecken nehmen? Um diese Frage kreist Montaigne in seinem Essay Philosophieren heißt sterben lernen. Seine erste Antwort zielt darauf, dass wir ihn als Tatsache anerkennen. Die Friedhöfe wurden nicht umsonst neben die Kirchen gelegt, an die schönsten Plätze im Ort. Sie liegen dort, damit wir uns an den Tod gewöhnen, d.h. ihn als Tatsache des Lebens anerkennen. Unser Leben spannt sich auf zwischen Geburt und Tod und läuft vom ersten Tag an stetig auf das Ende zu. „Alle Tage sind zum Tode unterwegs, der letzte – er langt an“ (52). Die Bekanntschaft mit dem Tod nimmt ihm jedoch nur den halben Schrecken. Denn die Bekanntschaft mit ihm ändert nichts daran, dass er all das negiert, was uns wichtig ist. Wir können nichts mehr erschaffen, nicht mehr genießen, wenn wir tot sind und wir können mit dem Tod auch nicht handeln. Wie können wir uns hier helfen?

Wir müssen aus dem Fluss des Lebens aussteigen

Montaignes Antwort ist hier ambivalent. Zum einen bezieht er sich auf das Erbe antiker Philosophen, vor allem der Stoiker, und erklärt, dass es unsinnig sei, Tränen über etwas zu vergießen, das wir nicht ändern können. So ist es mit unserem Tod. Wir können ihn nicht abwenden und müssen ihn akzeptieren. „Wie die Geburt für uns die Geburt aller Dinge war, so wird für uns der Tod der Tod aller Dinge sein“, schreibt Montaigne, und folgert. „Daher ist es gleichermaßen unsinnig, Tränen darüber zu vergießen, dass wir in hundert Jahren nicht mehr leben werden, wie darüber, dass wir vor hundert Jahren noch nicht gelebt haben.“ (50). Diese Akzeptanz fällt uns leichter, wenn wir die Nichtigkeit und Vergänglichkeit von all dem einsehen, woran wir in unserem Leben hängen, den Dingen, die wir erschaffen, verhandeln und genießen. Um das zu tun, müssen wir aus dem Fluss des Lebens aussteigen und eine kontemplative Distanz zu ihm einnehmen. Wir müssen uns fragen: Wozu ist das gut? Und ist das gut für uns? Diese nachdenkliche Distanznahme ist für Montaigne das Geschäft der Philosophie. Deshalb der Titel seines Essays: „Philosophieren heißt sterben lernen“.

Richten wir den Blick auf unseren Tod, ändert sich auch der Blick auf unser Leben

Wir können den Titel aber auch umdrehen, denn die Konfrontation mit und das Nachdenken über den eigenen Tod veranlassen uns, die kontemplative Distanz zum Leben einzunehmen und es nicht nur von der Geburt, sondern auch vom Ende aus zu sehen, d.h. als ein Ganzes. Und erst wenn wir es als ein Ganzes betrachten, können wir die entscheidenden Fragen beantworten. Denn wozu etwas gut und ob es gut für uns ist, das lässt nur vor dem Hintergrund des ganzen Lebens entscheiden. Indem wir den Blick auf unseren Tod richten, ändert sich also auch der Blick auf unser Leben. Wir leben nicht mehr einfach so dahin und hören auf, das wohlhabende, einzigartige und schöne Leben mit dem guten Leben umstandslos gleichzusetzen. Mit diesem Blick auf unser Leben und uns selbst ist eine große Befreiung verbunden. „Das Vorbedenken des Todes ist ein Vorbedenken der Freiheit“, schreibt Montaigne triumphierend. „Wer sterben gelernt hat, hat das Dienen verlernt. Sterben zu wissen, entlässt uns aus jedem Joch und Zwang. Das Leben hat keine Übel mehr für den, der recht begriffen, hat dass der Verlust des Lebens kein Übel ist.“ (48)

Sterben heißt leben lernen

Die Weltverachtung und das Freiheitspathos der antiken Vorstellung eines philosophischen Lebens schlagen hier voll durch. Aber Montaigne ist zu modern und zu sehr dem Leben mit all seinen Schönheiten zugetan, als dass er sich davon vollständig mitreißen ließe. „Das letzte Abschiednehmen von unserem Leben zerreißt uns mehr das Herz, als es uns tröstet“, schreibt er in seinem Essay Über die Eitelkeit. Er wünscht sich deshalb einen Freund und Helfer, der ihm in den letzten Stunden begleitet. „Wenn wir eine weise Geburtshelferin brauchen, um in die Welt einzutreten, dann einen noch weiseren Sterbehelfer, der uns wieder hinausgeleitet. Ein solcher, am tröstlichsten ein Freund, wäre für den Beistand in einer solchen Stunde nicht mit Gold aufzuwiegen.“  (491)

Auch der weise und abgeklärte Philosoph kann nicht ohne tröstenden Beistand aus dem Leben scheiden. Er braucht ihn jedoch nicht erst in der letzten Stunde, wie Montaignes Gleichsetzung von Philosophieren und Sterben lernen zeigt, sondern so früh wie möglich. Schließlich verändert die Beschäftigung mit dem Tod unser Leben. Sterben lernen heißt leben lernen. Und umso besser uns das gelingt, desto sicherer trifft unser Pfeil das enge Loch am Ende des Trichters  – und tritt hinaus ins Licht.

 

Dr. Bjoern Vedder, Philosoph, Autor, Publizist, Herrsching am Ammersee / Foto: Jens Schwarz

 

Dr. Björn Vedder wendet sich als Philosoph den Phänomenen der Gegenwart und den drängenden Fragen unserer Gesellschaft zu. Bekannt wurde er mit seinen Büchern »Neue Freunde. Über Freundschaft im Zeitalter von Facebook« (2017) und »Reicher Pöbel. Über die Monster des Kapitalismus« (2018). Zuletzt erschien von ihm »Väter der Zukunft. Ein philosophischer Essay« (2020). Er lebt mit seiner Familie als Publizist und Kurator in Herrsching am Ammersee. Mehr Informationen unter www.bjoernvedder.de.

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